«Die Energiebilanz war immer ein Plus»

Ein Filmprojekt, das verbindet: Christoph Rahm (links) und Matthias Noser.Bild: zVg
Ein Filmprojekt, das verbindet: Christoph Rahm (links) und Matthias Noser.Bild: zVg

Brugg: Christoph Rahm hat einen Dokumentarfilm über den Windischer Musiker Matthias Noser gedreht. Nun feiert «Rockstar Matthias» im Odeon Schweizer Premiere.

Es ist ein Film über den Weg eines Mannes aus Windisch, der eine Leidenschaft für Musik und Fotografie hat und unter paranoider Schizophrenie leidet. Hauptfigur des Dokumentarfilms «Rockstar Matthias» ist Matthias Noser, den der Aargauer Filmemacher Christoph Rahm in den 90er-Jahren in einer Klinik kennen- und schätzen lernte. Noser war Patient, Rahm machte ein Praktikum als Psychiatriepfleger.

Aus den ersten Begegnungen entstand eine Freundschaft und schliesslich das Filmprojekt, das in Brugg nun zur Premiere kommt.

Christoph Rahm, erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Matthias Noser?

Ja, ich war 18 Jahre alt und machte ein Praktikum als Psychiatriepfleger in Königsfelden in Windisch. Dort sah ich Matthias regelmässig, wie er im Park fotografierte. Er fiel mir sofort auf, und er faszinierte mich, noch bevor wir unseren ersten Kontakt hatten. Ein paar Monate später kamen wir auf seiner Abteilung ins Gespräch und tauschten uns über Fotografie aus, da mich das Thema ebenfalls interessierte. Wir fanden heraus, dass er eine Nikon hatte und ich eine Minolta. Das war der Beginn.

Später hörten Sie in der Psychiatrie auf und wurden Dokumentarfilmer.Wann kamen Sie auf die Idee, einen Film über Matthias Noser zu drehen?

Kurz nach meiner Ausbildung, im Jahr 1999, wollte ich zusammen mit Freunden ein Filmporträt über einen Arzt aus der Psychiatrie in Windisch machen, der seit Jahrzehnten dort gearbeitet hatte, und zugleich über einen Patienten, um diese Welt aus einer anderen Perspektive zu zeigen. Dieser Patient wäre Matthias Noser gewesen. Das Projekt hätte «All-Ein» geheissen, aber es kam nicht dazu. Wir begannen zu drehen, aber irgendwie versandete das Projekt. Wir waren halt sehr jung. Danach verloren Matthias und ich uns aus den Augen und trafen uns erst wieder, als ich 2019 ein Kulturfestival in Zofingen mitorganisierte und ihn dort einlud. Dann kam die Idee des Films nochmal auf.

Wie reagierte er darauf?

Er war begeistert, sehr offen und sofort dabei.

Und wie war es, mit ihm zu drehen?

Der Film war ein langer Prozess in enger Zusammenarbeit mit der Hauptfigur. Matthias brachte immer wieder szenarische Ideen ein und war aktiv dabei. Auch bei der Postproduktion kam er jede Woche vorbei, um zu sehen, wie ich was geschnitten hatte. Zugleich regulierte und zensurierte er mich nie. Er liess die letzten Entscheide immer mir. Aber ja, es war eine Herausforderung für mich, mit den schwierigen Themen in seinem Leben umzugehen. Ich nahm über 60 Stunden Interviews auf – mit Angehörigen, Therapeutinnen und so weiter. Dabei war mir stets wichtig, nichts erzwingen zu wollen. Auf diese Weise drehten wir vier Jahre lang.

Sie tauchten als Dokumentarfilmer jahrelang ganz in das Leben eines anderen Menschen ein. War es bisweilen nicht schwierig, die professionelle Distanz zu wahren?

Doch, ich sagte Matthias deshalb, dass unsere Treffen keine Therapierunden seien. Ich würde ihm einfach als Filmemacher Fragen stellen. Trotzdem gab es immer wieder Momente, die unter die Haut gingen. Wir schauten uns zum Beispiel die Krankenakte seines allerersten Eintritts in die Psychiatrie aus den 70er-Jahren an. Wir liessen sie uns zukommen, und er sah sie zum ersten Mal. Es war, als hätten wir Tagebucheinträge gelesen, die jemand anderes für ihn geschrieben hatte – nämlich der Arzt.

Ging Matthias Noser die Aufarbeitung seines schwierigen Lebens und seine sichtbare Verletzlichkeit vor der Kamera nicht an die Substanz?

Bei einem Testscreening mit einer Schulklasse aus Aarau wurde er das kürzlich gefragt, und er sagte: Das Projekt habe ihn sehr viel Energie gekostet, aber am Ende sei er stets mit mehr Energie aus einem Drehtag nach Hause gegangen. Die Energiebilanz war immer ein Plus und kein Minus. Das war meiner Meinung nach eine sehr differenzierte Antwort. Einerseits forderten ihn die Dreharbeiten sehr – und mich auch. Sie waren oft ein Kampf, manchmal ein Leiden. Andererseits waren die Gefühle am Ende aber positiv.

Wie gefällt Matthias Noser der fertige Film?

Bei einer Vorpremiere in Olten wurde er gefragt, ob er sich mit dem Film identifizieren könne. Er antwortete: «Der Film dauert 97 Minuten, mein Leben bisher 68 Jahre.» Eine grossartige Antwort, denn der Film ist letztlich ein Destillat seines Lebens.

Gefällt er Ihnen?

Ja, ich denke, der Film ist eines der emotionalsten Projekte, die ich je verwirklicht habe.

Und nun, da der Film nach Jahren plötzlich fertig ist, folgt jetzt die grosse Leere?

Matthias sagte schon vor zwei Jahren: «Was mache ich dann, wenn der Film fertig gedreht ist?» Man wächst während der Dreharbeiten mit dem ganzen Team zu einer Familie zusammen. Und sie verliert man dann auf eine Art. Aber ich bin mir sicher, dass Matthias und ich immer in Kontakt bleiben werden.

Filmpremiere «Rockstar Matthias» mit anschliessendem Gespräch mit Christoph Rahm und Matthias NoserMontag, 5. Oktober, 18 UhrOdeon, Brugg