Dorfgeist trifft Stadtverwaltung
Villnachern: Seit dem 1. Januar ist Villnachern offiziell Teil der Stadt Brugg – ein erster Rückblick auf das neue Zusammenleben.
Eine gelbe gewendete Pflugschar, im Schildhaupt begleitet von zwei fünfzackigen gelben Sternen auf blauem Hintergrund: So sieht das Wappen von Villnachern aus. Im Jahr 1850 zählte Villnachern gerade einmal 504 Einwohnende. Ein Blick zurück lohnt sich: Im Jahr 1141 gibt es eine erste urkundliche Erwähnung. Der Hof Filnacker ging von der Benediktinerabtei St. Blasien im Schwarzwald in den Besitz der Habsburger über, und 1306 erscheint im habsburgischen Güterverzeichnis der Name «Wilnach». Zwischenzeitlich hat sich das Dorf weiterentwickelt und zählt heute etwa 1700 Einwohnende. Und seit dem 1. Januar 2026 ist Villnachern Teil der Stadt Brugg.
Geblieben ist die Postleitzahl 5213. Bei einer Gemeindefusion in der Schweiz bleiben die Postleitzahl sowie der bisherige Ortsname für die postalische Anschrift der integrierten Ortsteile fast immer unverändert. Am 25. November 2025 fand hier die letzte Ortsbürger- und Gemeindeversammlung statt.
Zwischen «gelbem Blättli» und neuer Effizienz
«Eigentlich vermisse ich bis heute nur das ‹gelbe Blättli›», fasst Willi Pauli das Geschehen an diesem Vormittag zusammen. Seit 1952 lebt er im Dorf. Bei einem Kaffee in der Bäckerei Mor – dem zentralen Treffpunkt im Ort – blickt der Pensionär entspannt auf die Entwicklungen zurück: «Ein Restaurant haben wir derzeit keines mehr, deshalb trifft man sich hier.» Das gedruckte Mitteilungsblatt der Gemeinde sei schlicht praktisch gewesen, da es alle wesentlichen Informationen gebündelt frei Haus geliefert habe. Nun müsse man sich die Neuigkeiten online zusammensuchen, und ob darin stets spezifische Informationen zu Villnachern enthalten seien, sei nicht immer garantiert. Erfreut zeigt sich Pauli hingegen darüber, dass das Vereinsleben seit der Fusion unverändert stark geblieben ist.
Sein Tischnachbar, der namentlich nicht genannt werden möchte, zieht ebenfalls eine weitgehend positive Bilanz: «Die Behördengänge sind definitiv professioneller und speditiver geworden. Je nach Fachbereich gibt es nun klare Zuständigkeiten, was die zum Teil anspruchsvollen Abläufe spürbar vereinfacht.» Doch nicht alle teilen diesen Optimismus. Eine Anwohnerin, die am Dorfeingang gerade ihre Blumen giesst, blickt skeptisch auf den Zusammenschluss zurück: «Man muss doch nicht dauernd weiterwachsen. Es darf auch einfach einmal klein und überschaubar bleiben.»
Politische Integration auf starkem Fundament
«Es ist sehr erfreulich zu sehen, dass Villnachern im Einwohnerrat gut vertreten ist. Damit fliessen die Perspektiven und Anliegen des neuen Ortsteils unmittelbar in unsere politischen Diskussionen ein», betont Stadtschreiber Matthias Guggisberg. Durch den Wechsel von der Gemeindeversammlung zum Einwohnerrat bringt sich die Bevölkerung aktiv in die Brugger Stadtpolitik ein.
Die politische Integration des Ortsteils Villnachern in die Stadt Brugg baut auf fundierten Erfahrungen auf. Bereits mit den Eingemeindungen von Umiken im Jahr 2010 und Schinznach-Bad im Jahr 2020 hat die Stadt Brugg bewiesen, wie Gemeindezusammenschlüsse und die Einbindung neuer Ortsteile erfolgreich gelingen. Heute ist Villnachern ein politisch wie organisatorisch gleichwertiger Teil der Stadt. Die Einwohnerinnen und Einwohner nutzen die bestehenden demokratischen Instrumente aktiv, um ihre Anliegen einzubringen.
Schrittweise Integration und neue Synergien
Der Übergang von den alten Dorfstrukturen zur neuen Ortsteilorganisation erfolgt schrittweise und mit grossem Respekt vor den gewachsenen Gegebenheiten. Besonders sichtbar sind die Veränderungen im Bildungsbereich durch die Einbindung in die Schule Brugg, neue Tagesstrukturen und den Zugang zur Schulsozialarbeit. Auch im Bau- und Gebührenwesen wird mittelfristig eine stadtweite Harmonisierung angestrebt. Die neuen Abläufe und Zuständigkeiten bedeuten zwar zunächst eine Umstellung, «sie werden sich jedoch mit zunehmender Praxis rasch und reibungslos einspielen», zeigt sich Guggisberg überzeugt.
Die grösste Hürde im administrativen und organisatorischen Zusammenführungsprozess liegt im Wissenstransfer. «Die grösste Herausforderung besteht darin, das Wissen über lokale Gegebenheiten, laufende Geschäfte und bisherige Abläufe sorgfältig von der früheren Gemeindeorganisation in unsere Stadtverwaltung zu überführen», erklärt der Stadtschreiber. Gleichzeitig entstehen Synergien: Dienstleistungen werden neu zentral für das gesamte Stadtgebiet erbracht, wodurch Villnachern von den etablierten Strukturen und der Fachkompetenz der Brugger Verwaltung profitiert.
Gezielte Infrastrukturprojekte und lebendiges Dorf
In Bezug auf die Entwicklung und die Infrastruktur steht die bedarfsgerechte Weiterentwicklung aller Ortsteile nach einheitlichen Kriterien im Vordergrund. Auf der Prioritätenliste stehen derzeit Anpassungen bei Kindergarten, Primarschule und Oberstufe. Parallel dazu werden der Unterhalt und die Erneuerung der Infrastruktur, insbesondere von Strassen und Abwasserleitungen, schrittweise in die gesamtstädtische Planung integriert und gemeinsam priorisiert.
Um die Identität und die Bürgernähe zu wahren, setzt die Stadt auf das Zusammenspiel von städtischem Rahmen und lokalem Eigenleben. Die Stadt schaffe verlässliche Rahmenbedingungen, betont Guggisberg, doch das Dorf und die Gemeinschaft lebten letztlich vom Engagement der Menschen vor Ort. So können Traditionen zudem als Teil der Stadt Brugg bewahrt werden. Auf institutionalisierte Sondergefässe für einzelne Ortsteile wird bewusst verzichtet, stattdessen steht der direkte Austausch im Alltag und im Vereinsleben im Vordergrund.
Als gelungenes Beispiel nennt Matthias Guggisberg das 150-Jahr-Jubiläum der Musikgesellschaft Villnachern: Wenn ein traditionsreicher Verein zu einem solchen Anlass einlädt und der Stadtrat teilnimmt, entstehen ungezwungene Begegnungen und Gespräche ausserhalb formeller politischer Strukturen.
Zwischen Dorfidentität und Verwaltungsstrukturen
Wie fühlt sich das Leben in Villnachern nach den ersten Monaten im neuen Verbund mit Brugg an? Für Bernhard «Börnie» Flück vom Dorfverein Villnachern hat sich das Grundgefühl im Alltag nicht wesentlich gewandelt: «Alles in allem fühlt es sich immer noch nach Dorf an», stellt er fest. Ganz unbemerkt ist die Fusion im Ortsbild allerdings nicht geblieben. So machen mittlerweile neue Werbetafeln auf Veranstaltungen in Brugg aufmerksam, und manche gewohnte Ansprechperson ist schlicht nicht mehr verfügbar.
Besonders den Verlust des direkten, unkomplizierten Austauschs mit der früheren Dorfkanzlei spürt Flück im Alltag. Wo früher ein kurzes Telefonat reichte, um Unklarheiten rasch zu beseitigen, brauche es heute oft mehrere E-Mails. «Der administrative Aufwand ist gestiegen, da die Verwaltung die lokalen Gepflogenheiten und Situationen noch nicht kennt», erklärt das Vereinsmitglied. Auch der Weg zur Verwaltung selbst wird naturgemäss differenziert wahrgenommen: «Für uns in Villnachern ist das zentralere Schalterangebot in Brugg natürlich nicht zwingend zentraler», meint Flück schmunzelnd.
Wie viel Villnachern steckt im neuen Brugg?
Ebenfalls schmerzlich vermisst er die traditionelle Gemeindeversammlung als direktdemokratisches Element, deren Entscheide nun über den Brugger Einwohnerrat laufen. «Wann immer ich Zeit hatte, nutzte ich diese Möglichkeit, und ich werde sie auf jeden Fall vermissen», betont er. Ob die Anliegen von Villnachern im Einwohnerrat und Stadtrat von Brugg ausreichend vertreten seien, sei derzeit allerdings schwer abzuschätzen: «Dafür ist es noch zu früh.»
Im Hinblick auf die alltäglichen Dienstleistungen wie die Abfallentsorgung zeigt sich Flück gelassen, denn das meiste sei im Wesentlichen gleich geblieben. Auch Befürchtungen, Villnachern könnte zu einem reinen Schlafquartier werden, sieht er differenziert: Dieser Prozess habe sich mancherorts ohnehin schon schleichend vor der Fusion abgezeichnet und entspreche schlicht teilweise dem heutigen Zeitgeist. Trotz allen organisatorischen Veränderungen ist die persönliche Verbundenheit zum Ort nicht erschüttert. Auf die Frage nach seiner Identität im neuen Verbund antwortet Bernhard Flück ohne Zögern: «Ich bleibe wohl Villnacher, obwohl ich nur zugezogen bin.»
Dorfverein Villnachern
Der Verein fördert das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Einwohnenden in Villnachern und setzt sich für ein attraktives Dorfleben ein. Der Dorfverein Villnachern ist politisch und konfessionell neutral.



