«Euphoria» statt Depression
Brugg: Der deutsche Elektropop-Topstar Schiller tritt im Salzhaus auf

Brugg: Der deutsche Elektropop-Topstar Schiller tritt im Salzhaus auf
Christopher von Deylen alias Schiller spricht über die Wahl seines Künstlernamens, die kommenden Konzerte und einen Auftritt in Kiew.
Christopher von Deylen zählt als Schiller seit 28 Jahren und der Single «Das Glockenspiel» zu den erfolgreichsten deutschen Elektropopmusikern. Mit zehn Alben eroberte er in Deutschland Platz eins, mit fünf in der Schweiz die Top Ten. Insgesamt verkauften sich über sieben Millionen Tonträger, eine Milliarde Mal wurde seine Musik gestreamt. Das Debütalbum «Zeitgeist» traf mit seiner Mischung aus Pop, Ambient und Trance den Nerv des Publikums. 2001 folgte «Weltreise», das musikalisch von einer mehrmonatigen Reise von Paris bis Peking, die er mit seinem Vater unternommen hatte, inspiriert war. Natur wird bei Schiller zu Soundlandschaften, unterschiedliche Stimmungen laden zum Abtanzen oder Chillen ein.
Im Prolog Ihres aktuellen Albums «Euphoria» heisst es: «Herzlich willkommen in der neuen Welt von Schiller.» Was unterscheidet sie von der alten?
Es ist eine Traumwelt. Bisher versuchte ich mit meiner Musik immer die aktuellen gesellschaftlichen Strömungen zu reflektieren. «Zeitgeist» war ein Spiegel des Spass- und Hedonismus-Jahrzehnts, zu dem ich den Love-Parade-Sound lieferte. Später folgte die Entschleunigung nach dem Feiern, Gartenzwerge wurden durch kleine Budd-hastatuen ersetzt, und ich komponierte den passenden Chill-out-Sound. Beim neuen Album habe ich mich für einmal entschlossen, Musik zu schaffen, die einen Kontrast zur vorherrschenden Stimmung bietet: Euphorie statt Depression.
Sie haben im Januar in Kiew ein grosses Konzert geben. Wie kam es dazu?
Ich trete schon seit 20 Jahren in der Ukraine auf und habe dort Freunde, die ich immer wieder besuche. Ich kenne das Land also nicht nur aus den Abendnachrichten und habe seit Kriegsbeginn vier Konzerte gegeben.
Wie haben Sie die dortige Stimmung empfunden?
Ich spüre in der Ukraine, dass es den Menschen in erster Linie um ihre Freiheit, ihre nationale und kulturelle Identität geht, und nicht um territoriale Ansprüche. Mich beeindruckt, dass sie nicht um eines vermeintlichen Komfortgewinns willen kapitulieren, sondern Nächte im Bunkern verbringen, im Winter bei minus 20 Grad frieren oder ohne Strom auskommen müssen. Der Wille dieses Volkes, trotz nächtlichem Bombenalarm kulturelle Veranstaltungen zu organisieren, damit das schöne Leben nicht ganz zum Erliegen kommt, beeindruckt mich. Und es berührt mich, dass sie meine Musik zu lieben scheinen.
Sie sind in der norddeutschen Kleinstadt Visselhövede in der Lüneburger Heide aufgewachsen. Wie exotisch war es dort, dass Sie sich für elektronische Musik begeisterten?
Der Stil, für den man schwärmt, ist ja oft der Kitt, der gewisse Peergroups zusammenführt. Bei mir war er der Anfang einer sozialen Selbstvernischung. Ich wurde für meinen Musikgeschmack belächelt und fühlte mich nirgends richtig zugehörig, machte mir darüber aber auch keine allzu grossen Gedanken.
Haben Sie als Kind Klavierspielen gelernt, weil das bei einem von Deylen einfach dazugehörte?
Ich stamme zwar weder aus einem Adelsgeschlecht noch aus einem grossbürgerlichen Haus, sondern «nur» aus dem Mittelstand, allerdings von einem so konservativen Zweig, dass es tatsächlich zum guten Ton gehörte, dass man ein Instrument lernte. Mein Grossvater schenkte mir ein Klavier, als ich sechs Jahre alt war, später liessen mir meine Eltern auch noch Unterricht angedeihen. Was ich vorher einfach als schön und interessant empfand, wurde nun vehement analysiert und mit Erwartungen verknüpft. Damit tat ich mich schwer, wie mit jeder Ausprägung von Autorität. So trieb ich die Klavierlehrerin mit meinem stillen Boykott zur Aufgabe.
Sie haben das Klavierspiel aber nicht aufgegeben
Nein, mein folgender, leider vor zwei Jahren verstorbener Klavierlehrer Bertram Stiegeler liess mich vom Konsumenten zum Schöpfer von elektronischer Musik werden. Er selbst strebte nie eine künstlerische Karriere an, vermittelte mir jedoch die Technologie, mit der er sich aus Neugier beschäftigte.
Welches waren Ihre grössten Einflüsse?
Ohne Jean-Michel Jarre und Tangerine Dream würde Schiller gänzlich anders klingen, wobei die Hauptlieferanten meiner musikalischen DNA kaum unterschiedlicher sein könnten. Während Tangerine Dream einen sehr organischen und oft formlosen Ansatz gewählt hatten, der ihre Kompositionen fast schon wie Improvisationen in Echtzeit wirken liess, verkörpert Jarre das Gegenteil. Jeder Ton, jeder Soundeffekt wirkt bei ihm auskomponiert und kalkuliert. Was mir bei ihm auf Dauer zu süsslich klingt, empfand ich bei Tangerine Dream mit der Zeit als zu manieriert und nicht ganz ehrlich. Ich habe meinen Platz irgendwo zwischen ihnen gefunden.
Jean-Michel Jarre, der vor genau 50 Jahren sein legendäres Album «Oxygène» veröffentlichte, sagte einmal, ein Moog wäre für ihn wie eine Stradivarius. Womit würden Sie diese analoge Synthesizer-Ikone vergleichen?
Eher mit einem Instrument aus der Rockmusik, der Fender Stratocaster. Ein Moog kann wie diese berühmte Gitarre unvorhersehbare Klänge erzeugen, denn in der mangelnden Präzision beider Instrumente liegt zudem eine Chance. Ich versuche, dem Zufall immer etwas Raum zu lassen, sowohl im Studio als auch bei den Konzerten, ganz nach meinem Motto «fail forward» – vorwärts scheitern.
Wie kam es 1998 zur Gründung von Schiller?
Hinter mir lagen schon zwei Dutzend Veröffentlichungen, die alle im Massengrab des gut Gemeinten gelandet waren. Nach jedem Misserfolg hatte ich mir eine neue Plattenfirma gesucht und einen anderen Künstlernamen zugelegt, da es keine Basis gab, auf die ich bauen konnte. Als ich gar nicht mehr daran glaubte, dass mir der Durchbruch überhaupt irgendwann noch gelingen könnte, spürte ich beim Musikmachen plötzlich wieder eine gewisse Leichtigkeit, und mein erster Hit «Das Glockenspiel» entstand. Als das Label fragte, wie ich mein Projekt denn diesmal nennen würde, antwortete ich mit einem leicht resignierten Schulterzucken: «Ach, nennen wir es halt Schiller.» Wenn ich damals gewusst hätte, dass mich der Name am Ende noch Jahrzehnte begleiten würde, hätte ich wohl ein halbes Jahr nachgedacht, ohne dass mir etwas eingefallen wäre.
Mit dem gesungenen «I Feel You» folgt bald Ihre grösste Hitsingle. Weshalb machen Sie trotzdem vornehmlich Instrumentalstücke?
Es ist nicht so, dass ich mich dagegen wehren würde, einen Hit zu landen, aber ein Gesangspart muss sich wirklich aufdrängen, wobei ich Musik am emotionalsten finde, wenn sie von sich aus schreit. Ich betrachte mich im Idealfall auch nicht als Komponisten, sondern als Medium, das seine Aufgabe erfüllt.
Das klingt ziemlich metaphysisch …
Ich höre einfach sehr gern Musik, in die ich mich fallen lassen kann. In meinen Konzerten gibt es immer einen Teil, bei dem ich denke, wenn wir damit fertig sind, ist die Halle leer! (Lacht.) Er besteht aus 20 Minuten Instrumentalmusik, die sich jeden Abend so stark verändert, dass selbst geneigte Schiller-Fans, die alle Alben kennen, grösste Mühe haben, ein bestimmtes Motiv zu identifizieren. Oft bekommt dieser Teil am meisten Applaus, was zeigt, dass die Musikindustrie falsch liegt, wenn sie glaubt, dass man dem Publikum nichts mehr zumuten kann und Popkünstler nicht für Menschen, sondern für Spotify-Algorithmen komponieren müssen.
Wie denken Sie über Yello, die wichtigste Schweizer Elektropop-Formation?
Gut, dass Sie mich an dieses Duo erinnern, das in der Aufzählung meiner wichtigsten Inspirationen unverdientermassen vergessen ging. Die cineastische Klangmalerei von Soundtüftler Boris Blank und Dieter Meiers charismatische Off-Erzählstimme bilden eine einzigartige Kombination, dank der die Songs über emotionale Korkenzieher sowie über Underground-Appeal verfügen.
Sind Sie schon einmal an der Street-Parade aufgetreten?
Nein, aber ich bin ja auch erst seit zwei Jahren wieder als DJ aktiv. In jungen Jahren hatte ich mich schon einmal in dieser Disziplin versucht, mir fehlte jedoch das handwerkliche Geschick fürs Auflegen und Mischen von Vinylplatten, weshalb ich es frustriert aufgab.
Weshalb haben Sie einen neuen Anlauf genommen?
Es hat sich viel verändert. Mich störte es früher, wenn DJs durch ihre Körpersprache und Gestik den Anschein erwecken, als würden sie die Musik, die sie auflegen, selbst erzeugen. Heute produzieren viele von ihnen eigene Tracks und können sie mithilfe von moderner Soft- und Hardware livenah variieren oder neu entstehen lassen. Nun bin ich daran, als DJ meinen eigenen Stil zu finden, und weiss noch nicht, ob er zur Street-Parade passen würde. Vielleicht schaue ich sie mir im nächsten Jahr erst einmal als Besucher an.
Was erwartet das Publikum bei Ihrem Konzert in Brugg?
Das «Sommerklang»-Programm, mit dem ich auf der Insel Mainau am Open Air und in Brugg im historischen Salzhaus auftreten werde, spiele ich mit der Schiller-Liveband, die auch Gitarre und Schlagzeug umfasst. Dort stehen die bekanntesten Stücke sowie die Light- und Videoshow im Mittelpunkt. Bei der «Voyage»-Club-Tournee, die mich ins Bierhübeli und ins Kaufleuten führt, nimmt das aktuelle Album mehr Raum ein. Ich werde dort allein und nur mit meinen elektronischen Instrumenten auftreten, was mir erlaubt, noch spontaner auf die Publikumsreaktionen einzugehen.
Samstag, 12. September, 20.30 UhrSalzhaus, Brugg