Ist unser Kulturerbe in Gefahr?

Brugg | Windisch: Europäische Tage des Denkmals

Das Dachwerk der Klosterkirche Königsfelden wird öffentlich zugänglich gemacht.Bild: Kantonale Denkmalpflege Aargau
Das Dachwerk der Klosterkirche Königsfelden wird öffentlich zugänglich gemacht.Bild: Kantonale Denkmalpflege Aargau

Brugg | Windisch: Europäische Tage des Denkmals

An den Europäischen Tagen des Denkmals stehen Brugg und Windisch kantonal im Zentrum. Projektleiterin Franziska Schmid-Schärer erklärt, warum.

Die Frage, die sich die kantonale Denkmalpflege am 12. und 13. September stellt, lässt aufhorchen. An den Tagen des Denkmals richten sich alle Blicke im Aargau auf Brugg und Windisch. Die Region ist das Schwerpunktthema. Das Motto lautet «In Gefahr?».

Wie fragil ist unser kulturelles Erbe, ist es sogar gefährdet? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Denkmalpflege, am Wochenende soll das Kulturerbe dazu intensiv erlebt werden können. Türen, die üblicherweise verschlossen bleiben, werden für die Öffentlichkeit geöffnet – zum Beispiel das Dachwerk der Klosterkirche Königsfelden in Windisch oder der Kommandoposten der Grenzbrigade in Villnachern. In Brugg können wiederum das architektonische Schaffen von Albert Froelich oder die Stuckaturen im Stadthaus entdeckt werden. Bei zahlreichen kostenlosen Führungen spürt die Bevölkerung an zwei Tagen der Vergangenheit nach.

Geschichte auf engem Raum

Dass der kantonale Fokus ausgerechnet auf Brugg und Windisch fällt, sei kein Zufall, werde die Bedeutung der Region in dieser Hinsicht doch als aussergewöhnlich erachtet, sagt Franziska Schmid-Schärer, Projektleiterin der Europäischen Tage des Denkmals im Aargau. «Hier treffen verschiedene historische Zeitschichten auf sehr engem Raum aufeinander: das römische Vindonissa, das mittelalterliche Königsfelden, die historische Stadt Brugg und die späteren Entwicklungen der Region.» Diese Dichte mache die Region zu etwas Besonderem, und zahlreiche Objekte seien deswegen von nationaler Bedeutung. «Über 2000 Jahre Geschichte überlagern sich räumlich, was der Region im schweizerischen Vergleich ein sehr hohes Gewicht gibt», erklärt Schmid-Schärer.

Das Kulturerbe scheint in Brugg und Windisch gut gepflegt und in der Öffentlichkeit entsprechend wahrgenommen zu werden. Da stellt sich die Frage, was es mit dem Motto «In Gefahr?» auf sich hat. «Das Kulturerbe wird fachlich gut betreut und erfreulicherweise auch von der Bevölkerung wahrgenommen», bestätigt Schmid-Schärer. «Mit dem diesjährigen Motto wollen wir aber auf die Verletzlichkeit des Kulturerbes aufmerksam machen. Denn gut geschützt bedeutet nicht ausser Gefahr.» Das Kulturerbe sei der Alterung ausgesetzt, baulichen Veränderungen, dem Nutzungsdruck, dem Klima, mangelndem Unterhalt, aber ebenso Vandalismus und Diebstahl.

«Drei aktuelle Fälle im Kanton Aargau, bei denen historische Glasmalereien zerstört, kirchliche Kunstgegenstände gestohlen und eingeschmolzen oder ein Wandgemälde besprayt wurde, führen uns das sehr deutlich vor Augen», sagt die Projektleiterin. Umso mehr will sie das Kulturerbe nicht hinter verschlossenen Türen bewahren, sondern es zugänglich und erlebbar machen. «Denn je besser die Menschen ein Kulturgut kennen und seinen Wert verstehen, desto eher entwickeln sie Sorge und Wertschätzung dafür.» Denkmalpflege bestehe nicht nur aus Gesetzen, Inventaren und Restaurierungen. Sie brauche auch gesellschaftliche Wertschätzung, so Schmid-Schärer. «Die Europäischen Tage des Denkmals leisten dazu einen wichtigen Beitrag: Sie öffnen Türen und machen sichtbar, was sonst leicht als selbstverständlich wahrgenommen wird.»

Brugg und Windisch machen vieles also richtig, wie die Kunsthistorikerin findet. Dennoch sei es von Bedeutung, wachsam zu bleiben. «Bei einer derart dynamischen Region ist es wichtig, nicht nur einzelne herausragende Gebäude im Blick zu haben, sondern auch die historischen Ensembles, Freiräume und das Zusammenspiel der verschiedenen Zeitschichten», gibt sie zu bedenken.

Nicht nur Vindonissa

Bei der Verdichtung und der baulichen Entwicklung von heute benötige es zudem einen guten Dialog zwischen Schutz und Weiterentwicklung. «Und ich glaube, dass die Vermittlung noch wichtiger wird: Nicht nur die bekannten Stars wie Vindonissa und Königsfelden sollten Aufmerksamkeit bekommen, sondern auch die weniger offensichtlichen Zeugnisse, die den Charakter dieser besonderen Kulturlandschaft ausmachen», sagt Schmid-Schärer. «Mein Wunsch wäre deshalb, dass wir das vorhandene Kulturerbe noch stärker als Chance für die Entwicklung der Region verstehen. Die kantonale Denkmalpflege sollte möglichst früh in Planungsprozesse einbezogen werden – nicht erst dann, wenn ein Bauprojekt bereits weitgehend feststeht.» Oft liessen sich gute Lösungen finden, wenn man früh miteinander spreche.

Die wichtigste Botschaft der Europäischen Tage des Denkmals sei aber, dass das Kulturerbe nichts Abgeschlossenes sei und nichts, was nur Fachleute betreffe. «Es gehört der ganzen Gesellschaft. Und was wir heute als selbstverständlich wahrnehmen, kann schon morgen unwiederbringlich verloren sein.»