Vergessenes Kulturgut bewahren

Region: In Ennetbaden gibt es seit letztem Frühjahr einen Erzählort für Erwachsene: die «Narrateria» im Kulturzentrum Ennetraum.
Geschichten haben für Menschen seit jeher eine grosse Bedeutung: Sie stiften Identität, vermitteln Wissen und unterhalten. Wie sie wiedergegeben werden, hängt von ihrem Inhalt sowie von gesellschaftlichen Entwicklungen und Vorlieben ab. Die Ennetbadenerin Evelyn Hartmann und die Badenerin Irène Novak-Lüscher teilen eine Leidenschaft, die hierzulande etwas in Vergessenheit geraten ist: die mündliche Erzähltradition.
In frühen Gesellschaften, vor der Erfindung der Schrift, bildete sich aufgrund der rein mündlichen Überlieferungstradition der Berufsstand der Geschichtenerzählenden heraus. «Das Erzählen ist wohl eine der ältesten Kulturkunstformen, die es gibt», bekräftigt Evelyn Hartmann, die diese Tradition unter dem Namen Dorastochter heute noch mit Herzblut pflegt. Als Bewahrende des Wissensschatzes einer Gesellschaft wurden zudem hohe Anforderungen an die Professionalität der Angehörigen dieses Berufsstands gestellt. «Im Mittelalter haben Barden oft acht Jahre lang gelernt, bevor sie sich überhaupt so nennen durften», weiss Evelyn Hartmann.
Renaissance des Mündlichen
Mit der Verbreitung der Schrift und den veränderten Lebensbedingungen seit der industriellen Revolution trat die mündliche Überlieferung in den Hintergrund. Dabei ging viel Wissen verloren. «Damit umzugehen, ist tatsächlich nicht immer ganz einfach», sind sich die beiden Erzählerinnen einig, «aber es macht extrem viel Spass, hier auf Entdeckungsreise zu gehen.»
Im 19. Jahrhundert dann fanden die Märchen mit gedruckten Sammlungen wie jener der Brüder Grimm schliesslich den Weg ins Kinderzimmer. Der Titel «Haus- und Kindermärchen» sollte wohl vor allem den Absatz fördern, denn die Märchen waren eigentlich nicht für Kinder gedacht. Sie handeln von Liebe und Verrat, Mut und Angst, Glück und Verlust, also von Fragen, die Menschen seit jeher und überall auf der Welt bewegen.
Seit den 1980er-Jahren erlebt das Erzählen in der Schweiz und in Europa insgesamt eine Renaissance. Dazu möchten Evelyn Hartmann und Irène Novak-Lüscher beitragen und der mündlichen Überlieferungstradition zu neuen Glanzstunden verhelfen. «Wir möchten zeigen, wie viel Witz, Weisheit und Tiefe in diesen alten Stoffen steckt, wenn man sich fragt, wie sie ursprünglich gedacht waren», sagt Irène Novak-Lüscher. «Dazu gehört, traditionelle Geschichten in die Gegenwart zu holen, ohne ihnen Kern und Seele zu nehmen. Genau das haben Erzählende schon immer getan.»
Zwei Wege, ein Ziel
Zum Erzählen kamen die beiden auf verschiedenen Wegen. Evelyn Hartmann fand über die Beschäftigung mit egalitären Kulturen zu den Mythen, Sagen und Märchen. Ursprünglich war sie als Buchhändlerin eher dem geschriebenen Wort zugewandt, und auch heute noch liebt sie Bücher. Bei der Analyse von Mythen im Rahmen ihrer Studien wurde ihr bewusst, dass diese Stoffe eigentlich nicht gelesen, sondern mündlich erzählt werden sollten. «Ich merkte damals, dass ich mich stark zur Erzählforschung hingezogen fühlte», so die Ennetbadenerin. Damit wurde gleichzeitig ihre Begeisterung für das Erzählen selbst geweckt, die sie seither in zahlreichen Kursen und Lehrgängen vertieft hat. Nun strebt sie danach, anderen die Vielschichtigkeit des Erzählens näherzubringen und sie dafür zu begeistern.
Irène Novak-Lüscher unterrichtete Deutsch an der Wirtschaftsschule KV Baden. Das Thema Erzählen begann sie jeweils mit einem Märchen, das sie frei erzählte. Eines Tages fragte eine Schülerin, ob sie Geschichtenerzählerin sei – und berichtete ihr von einer passenden Ausbildung. Auch beim Projekt Kulturmümpfeli, bei dem sie ihrer Klasse kurze kulturelle Häppchen bot, zeigte sich: Märchen kommen an. «Erst da wurde mir bewusst, wie gern ich Geschichten mit all ihren bildhaften Wendungen erzähle», sagt sie. «Märchen hatten es mir aber schon als Kind angetan.»
Kennengelernt haben sich die beiden – wie könnte es anders sein – in Märchenkreisen. Beide haben die Ausbildung an der Schweizer Märchenstiftung Mutabor absolviert. Um ihrer Passion auch hier in der Region zu neuer Bekanntheit und Beliebtheit zu verhelfen, riefen sie im Frühjahr 2025 die Veranstaltungsreihe «Narrateria» ins Leben. «Narrare» bedeutet im Italienischen so viel wie «Erzählen». Bereits der Name verweist also auf die Kunst, der sich Irène Novak-Lüscher und Evelyn Hartmann mit Leib und Seele verschrieben haben.
Geschichten mit Harfenmusik
Die Initiative für die neue Veranstaltungsreihe ging von Evelyn Hartmann aus: «Für mich war immer klar, dass ich gern öffentlich Geschichten erzählen möchte», sagt sie. Um den dafür notwendigen Organisationsaufwand nicht allein stemmen zu müssen, suchte sie nach einer Partnerin und dachte an ihre Badener Kollegin. Diese liess sich von der Idee begeistern, und «Narrateria» war geboren.
Ausser beim allerersten «Narrateria»-Abend wurden die beiden Geschichtenerzählerinnen bisher von wechselnden Gästen unterstützt. «Dadurch nutzt sich das Format nicht ab», ist Evelyn Hartmann überzeugt. Das Konzept soll deshalb nach Möglichkeit für die künftigen Erzählabende beibehalten werden.
Die erste «Narrateria»-Veranstaltung der zweiten Saison findet am Sonntag, 25. Oktober, im Kulturzentrum Ennetraum statt und trägt den Titel «Von Sternen, Traum und allerlei Tieren». Begleitet werden Evelyn Hartmann und Irène Novak-Lüscher dabei von Isabelle Hauser, die miterzählt und den Abend auf ihrer Harfe begleitet.
Sonntag, 25. Oktober, 16 bis 18 UhrBadstrasse 8, Ennetbadenennetraum.ch