Von Gehirnwäsche und Glücksmomenten

RÜFENACH: Andreas Ulrich, der ehemalige Gemeindeammann von Rüfenach, hat zwei Bücher geschrieben. Die Ratgeber handeln von der Wahrnehmung des Alltags.
Er ist vielen aus der Kommunalpolitik bekannt. Andreas Ulrich war von September 2021 bis Ende des vergangenen Jahres im Gemeinderat von Rüfenach, davon vier Jahre Gemeindeammann. Der 54-Jährige ist aber auch Unternehmer, Mentalcoach und Autor.
Nun veröffentlicht er zwei neue Bücher. «Gehirnwäsche – wie viel von deinem Denken hast du selbst gewählt?» lädt auf 122 Seiten dazu sein, das eigene Denken im Alltag bewusster wahrzunehmen und Gewohntes neu zu betrachten. «Highlights – 12 Wochen für Momente, die guttun» stellt sich auf 96 Seiten die Frage, wie viele gute Momente im Alltag untergehen. Beide Bücher sind im Verlag Lifeinion erschienen.
Andreas Ulrich, wie kamen Sie auf die Idee, gleich zwei Bücher aufs Mal zu veröffentlichen?
«Highlights» hatte ich bereits im Frühling 2025 als Arbeitsbuch entwickelt und in einer kleinen Auflage drucken lassen, um es persönlich weiterzugeben. Veröffentlicht wurde es damals noch nicht. Nach der Fertigstellung meines Manuskripts von «Gehirnwäsche» entschied ich mich, «Highlights» zu überarbeiten und ebenfalls zu publizieren.
An wen richten sich die Bücher?
«Gehirnwäsche» richtet sich an Menschen, die offen für neue Perspektiven sind, ohne jedem Trend hinterherzulaufen, und die bewusster entscheiden wollen, was in ihrem Denken Platz haben soll. Vielleicht bleibt man dabei einfach bei einer eigenen Überzeugung hängen: «Das liegt mir nicht.» Oder: «So bin ich eben.» Dann lohnt sich die Frage, ob das tatsächlich stimmt. «Highlights» ist für Menschen gedacht, die das Positive im Leben bewusster wahrnehmen möchten. Beide Bücher sind keine Anleitung für ein perfektes Leben. Sie laden einfach dazu ein, den eigenen Alltag genauer anzuschauen und bewusster mitzugestalten.
Wie weit sind Ihre beruflichen Erfahrungen als Mentalcoach in den Büchern enthalten?
Meine Perspektive als Mentalcoach prägt vor allem die Fragen: Welche Bedeutung geben wir einer Situation? Was halten wir für unveränderbar? Wo haben wir Handlungsspielraum, und wie wird aus einer Erkenntnis eine Entscheidung und schliesslich eine Handlung. Daneben fliessen meine Erfahrungen als Unternehmer und Berater ein. In diesen unterschiedlichen Tätigkeiten geht es stets um Menschen, Erwartungen, Entscheidungen und Veränderungen. Und mir ist immer die praktische Umsetzung wichtig. Nicht jedes Problem lässt sich einfach durch eine andere Denkweise lösen. Es gibt reale Grenzen und schwierige Lebensumstände. Mich interessiert der Spielraum, den wir innerhalb dieser Realität haben.
Sie waren vier Jahre lang Gemeindeammann von Rüfenach. Ist in den Büchern etwas von den Erfahrungen des Kommunalpolitikers Andreas Ulrich eingeflossen?
Die vier Jahre als Gemeindeammann gehören ebenso zu meinem Erfahrungshintergrund wie meine unternehmerische Tätigkeit und das Coaching. Die Bücher sind allerdings keine politische Rückschau. Die Verbindung sehe ich eher beim Umgang mit unterschiedlichen Perspektiven. Bei einem Gemeindeprojekt können dieselben Fakten für verschiedene Menschen völlig unterschiedliche Bedeutungen haben. Dahinter stehen Erwartungen, Erfahrungen und manchmal Befürchtungen. Genau diese Fragen beschäftigen mich in «Gehirnwäsche»: Wie entsteht unsere Sicht auf eine Situation, und was übersehen wir eventuell? Eine andere Perspektive verstehen zu wollen, bedeutet dabei nicht, ihr automatisch zuzustimmen. Aber es schafft eine bessere Grundlage für ein Gespräch.
Vermissen Sie die Politik?
Das Amt selbst vermisse ich nicht. Die Möglichkeit, vor Ort etwas mitzugestalten und gemeinsam mit anderen Lösungen zu finden, bleibt für mich aber ein wertvoller Teil dieser Zeit. Heute liegen meine Schwerpunkte anders. Meine berufliche Tätigkeit, meine Hobbys und das Schreiben geben mir andere Möglichkeiten, Ideen umzusetzen und etwas beizutragen. Ich sehe die Zeit als Gemeindeammann deshalb als einen wichtigen Abschnitt meines Lebens, auf den ich mit Wertschätzung zurückblicke.
In «Gehirnwäsche» beschäftigen Sie sich mit fremdbestimmtem Denken – Manipulation auch? – im Alltag und rufen dazu auf, gewohnte Überzeugungen, Wahrnehmungen und Vorstellungen zu hinterfragen. Warum gerade dieses Thema?
Mich fasziniert, wie selbstverständlich sich Überzeugungen anfühlen können, obwohl wir diese nie bewusst gewählt haben: Vorstellungen darüber, was Erfolg bedeutet, was wir uns zutrauen oder welche Grenzen angeblich unverrückbar sind. Manipulation gehört zum Thema, aber nicht jede Beeinflussung ist eine absichtliche Manipulation. Vieles übernehmen wir durch Erziehung, Erfahrungen und unser Umfeld, meistens ohne böse Absicht. Deshalb spreche ich lieber von geprägtem als pauschal von fremdbestimmtem Denken. Es geht mir zudem nicht darum, den Menschen neue Wahrheiten vorzuschreiben, sondern darum, vertraute Gedanken wieder bewusst neu anzuschauen. Die zentrale Frage steht im Untertitel: «Wie viel von deinem Denken hast du selbst gewählt?»
Denken Sie, wir sind heute generell manipulierbarer oder manipulierter als früher – oder vielleicht einfach überforderter, weil überstimulierter?
Mit einem pauschalen Vergleich wäre ich vorsichtig. Ich würde nicht behaupten, frühere Generationen hätten grundsätzlich selbstständiger gedacht. Denn Beeinflussung ist nichts Neues. Mein Eindruck ist, dass uns heute vor allem die Dichte und die Geschwindigkeit der Informationen herausfordern. Nachrichten, Werbung, Posts, Reels, Kommentare und so weiter begleiten uns überallhin – und praktisch ohne Unterbruch. Wir sehen aber immer nur einen Ausschnitt, nie das ganze Bild. So können auch viele einzelne wahre Informationen einen einseitigen Gesamteindruck hinterlassen. Die Frage nach der Überforderung finde ich deshalb wichtig, weil mehr Informationen nicht automatisch mehr Orientierung bedeuten. Manchmal hilft es, den Informationsfluss zu reduzieren und innezuhalten: Was weiss ich tatsächlich? Was wird behauptet? Muss ich darauf sofort reagieren?
Leben Sie wdie Ideen des Buches vor, hinterfragen Sie sich selbst oft genug im Alltag?
Ich versuche es. Ob es oft genug ist, müssten Sie Personen aus meinem Umfeld fragen. Ein Buch über das Denken zu schreiben, bedeutet nicht, selbst keine vorschnellen Urteile zu bilden oder keine blinden Flecken mehr zu haben. Und Fortschritt bedeutet für mich nicht, nie mehr in alte Muster zu geraten, sondern sie früher zu erkennen und bewusster entscheiden zu können. Die Einladung des Buches richtet sich also auch an mich selbst.
Im zweiten Buch «Highlights» rufen Sie die Leserschaft dazu auf, während zwölf Wochen jeden Tag drei Momente festzuhalten, die einem im Alltag guttun. Wird das Buch zum Begleiter auf der Suche nach Glücksmomenten?
Ja, wobei ich eher vom Wahrnehmen positiver Dinge als von der Suche nach Glück sprechen würde. Niemand muss jeden Tag etwas Aussergewöhnliches erleben. Ein gutes Gespräch, ein kleiner Erfolg oder ein Moment der Ruhe zählen genauso. Jeden Tag werden drei solche Momente festgehalten. Beim späteren Zurückschauen können Muster sichtbar werden: Welche Menschen, Tätigkeiten oder Situationen tun mir besonders gut? Wovon möchte ich mehr in meinem Leben haben? Es geht nicht um Leistung, sondern um Aufmerksamkeit gegenüber dem Guten. Nach zwölf Wochen können so 252 Momente zusammenkommen. Meistens ändert sich der Alltag dadurch nicht grundlegend, aber die positiven Dinge erhalten mehr Gewicht und können so dem Leben eine ganz andere Perspektive geben.
Sie sagen, dass positive Momente im Alltag oft untergehen würden. Sind wir heute generell zu gestresst und nicht mehr fähig, im Alltag glücklich zu sein?
Ich würde nicht sagen, dass wir diese Fähigkeit verloren haben. Aber wenn der Tag voller Aufgaben und offener Fragen ist, bekommt das Dringende leicht mehr Aufmerksamkeit als das Gute. Ein Problem verlangt nach einer Lösung. Ein angenehmes Gespräch oder eine freundliche Geste tun das nicht und geraten schneller in den Hintergrund. Dabei möchte ich Stress nicht kleinreden. Wer stark belastet ist, benötigt unter Umständen ganz konkrete Entlastung und nicht einfach die Aufforderung, etwas positiver zu denken.
Würden Sie sich selbst als glücklichen Menschen bezeichnen?
Ja. Das bedeutet für mich aber nicht, ständig zufrieden oder gut gelaunt zu sein. Auch bei mir gibt es Dinge, die mich beschäftigen, ärgern oder herausfordern. Glück – sofern es das gibt – verbinde ich eher damit, mein Leben gestalten zu können, Beziehungen zu pflegen und mich mit Dingen zu beschäftigen, die mir etwas bedeuten. Dazu gehört, neue Ideen umzusetzen und ständig zu lernen.