Das Herz am rechten Fleck

Windisch: Im Alters- und Pflegeheim Sanavita ist Marie-Theres Leimgruber-Roos 97-jährig gestorben.
Langsam, ganz langsam wurde die Welt von Marie-Theres Leimgruber kleiner. Doch sie behielt auch nach dem Eintritt ins Sanavita vor vier Jahren die Vorliebe fürs Zeitunglesen und Lismen sowie die Fähigkeit, offen auf andere Menschen zuzugehen.
Mit ihrer inneren Ruhe und Glaubensstärke verströmte Marie-Theres Leimgruber eine tiefe Zufriedenheit, Liebenswürdigkeit und Wertschätzung. Ihre sichere Haltung und das starke soziale Engagement trugen ihr selbst ebenfalls Hochachtung ein. Sie war unermüdlich und selbstbewusst, aber nicht geltungsbedürftig.
Ehrenamtlicher Einsatz
Sie unterstützte Schüler beim Aufgabenlösen, behinderte Kinder bei der Alltagsbewältigung, Mütter im Wochenbett, Betagte und Kranke beim Ein-kaufen, Kochen oder Putzen. Am aufwendigsten war ihr ehrenamtlicher Einsatz für die Familienhilfe der katholischen Kirchgemeinde. Marie-Theres Leimgruber koordinierte den betreuerischen und zeitlichen Beistand. Ihre Telefonnummer dürfte in manchem Windischer Haushalt auf der Notfallliste gestanden haben.
1978 schlossen sich die katholische Familienhilfe sowie der Kranken- und Hauspflegeverein Windisch-Mülligen zusammen. Daraus ging dann 2013 die professionalisierte Spitex Region Brugg hervor.
Weil Marie-Theres Leimgruber über die katholischen Kreise hinaus bekannt war, wurde sie in die Kindergartenkommission und 1985 mit einem Glanzresultat für die CVP/Mitte in den 40-köpfigen Windischer Einwohnerrat gewählt. Dort setzte sie während vier Jahren bei Geschäften, in denen es um Menschen und vor allem Schwächere ging, Akzente. Mit ihrem sicheren Geschmack fiel sie zudem 1986 in der Behördendelegation am Festumzug zur 2000-Jahr-Feier von Windisch als perfekt gekleidete «Vindonissenserin» auf.
Fünf begabte Kinder
Auch den Familienhaushalt, der ihr einiges abverlangte, beherrschte sie aus dem Effeff. Sie bewohnte mit ihrem Ehemann Karl, einem 2007 verstorbenen BBC-Ingenieur, und fünf begabten Kindern ein Eigenheim mit Garten und Obstbäumen auf der unteren Reutenen. Von Schicksalsschlägen liess sie sich nicht entmutigen. Demütig ertrug sie 2014 den Herzstillstandtod ihres verheirateten 54-jährigen Sohnes Charly. Als sie im April 2021 Bekannte im Sanavita besuchen wollte, wurde sie auf dem Fussgängerstreifen beim Gemeindehaus von einem Sattelschlepper angefahren. Das überstand die zähe Seniorin ebenfalls und benützte bis ins 92. Altersjahr weiterhin das Velo.
Die von Soja Jungblut mit berührenden Klängen begleitete Abschiedsfeier in der Marienkirche entsprach Marie-Theres Leimgrubers Wesen. Ihr Neffe, der emeritierte Theologieprofessor Stefan Leimgruber, sowie die früheren Windischer Seelsorger Urs Buser und Xaver Amrein zelebrierten den Gottesdienst, die Freundin Monika Merki Frey und Angehörige gedachten mit Erinnerungen der Verstorbenen.