Auflösung mit Happy End

Der Landgasthof Vierlinden auf der Anhöhe des Bözbergs ist aus seinem Dornröschenschlaf erwacht.

Der Landgasthof Vierlinden auf der Anhöhe des Bözbergs ist aus seinem Dornröschenschlaf erwacht.

Von links: Werner Huber, Peter Bircher, beide Gründungsmitglieder der IG Vierlinden, Jürg Rensch, Eigentümer des Landgasthofs Vierlinden, und Nik Rüttimann, Präsident der IG Vierlinden.Bilder: Isabel Steiner Peterhans

Von links: Werner Huber, Peter Bircher, beide Gründungsmitglieder der IG Vierlinden, Jürg Rensch, Eigentümer des Landgasthofs Vierlinden, und Nik Rüttimann, Präsident der IG Vierlinden.Bilder: Isabel Steiner Peterhans

Bözberg Nach knapp zwei Jahren Engagement hat sich die IG Vierlinden an ihrer dritten Generalversammlung aufgelöst. Der Weg vom drohenden Aus bis zur Rettung der «Perle des Bözbergs» war geprägt von Hürden und Zwischennutzungen.

Vergangene Woche fand die dritte Generalversammlung der Interessengemeinschaft (IG) Vierlinden statt. Und es war gleich auch die letzte. Denn an diesem Abend wurde die IG durch einen einvernehmlichen Beschluss sämtlicher Mitglieder aufgelöst. «Die Auflösung ist überfällig. Wir haben unsere Arbeit getan, und die Geschichte schliesst mit einem wunderbaren Happy End», so Nik Rüttimann, Präsident der IG, an der Versammlung. Erstaunlich schnell waren dann die acht Traktanden abgehandelt.

Nach Beendigung der knapp halbstündigen Generalversammlung wurden die formalen Traktanden rasch zur Nebensache. Die rund 15 anwesenden IG-Mitglieder blickten lieber gemeinsam in die Zukunft und tauschten sich intensiv über die weiteren Perspektiven für die «Perle des Bözbergs» aus. Das war nicht immer so.

Ein anspruchsvolles Unterfangen

Ein Blick zurück lohnt sich. Als der Eigentümer des historischen Landgasthofs Vierlinden, Jürg Rensch, neue Pächter für das Restaurant suchte, entpuppte sich dieses Unterfangen als ziemlich anspruchsvoll. Seit nunmehr fünf Jahren war Rensch auf der Suche nach geeigneten Nachfolgern. Zwei unabhängig voneinander verfasste Leserbriefe von Werner Huber und Peter Bircher gaben den Anstoss zu einer breiteren öffentlichen Diskussion, weil sich die Suche derart schwierig gestaltete. Die daraufhin am 1. November 2024 in der «Aargauer Zeitung» erschienene ganzseitige Berichterstattung stiess auf grosses Interesse und löste zahlreiche positive Rückmeldungen aus. Bei einem Treffen im Gasthof Vierlinden am 7. November 2024 beschlossen daraufhin Peter Bircher, Werner Huber und Vierlinden-Eigentümer Jürg Rensch, eine Interessengemeinschaft, die IG Vierlinden, ins Leben zu rufen. Die Bekanntgabe der Gründung in den Medien fand grossen Anklang. Menschen aus der Region sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Wirtschaft schlossen sich der IG an.

Ehrenamtliche Zwischennutzung auf kleiner Flamme

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten richtete die IG Vierlinden den Blick bewusst nach vorn. Die Suche nach einem Pächter stiess auf riesiges Interesse. Über 30 Anfragen gingen ein und führten zu zahlreichen Besichtigungen. Dennoch scheiterte die Verpachtung vorerst, da viele Bewerber die nötige Gastronomieerfahrung oder das Kapital vermissen liessen, andere sprangen kurzfristig ab. Selbst ein bereits finalisierter Pachtvertrag wurde am 13. Oktober 2025 überraschend nicht unterzeichnet. Um den Gasthof Vierlinden dennoch wieder zu beleben, startete Vereinsmitglied und Politiker Miro Barp eine befristete Kleingastronomie auf kleiner Flamme: Von Mitte des Jahres 2025 bis Ende Januar des laufenden Jahres betrieb er die Gaststube und die Gartenwirtschaft ehrenamtlich und in Eigeninitiative, während Jürg Rensch die kaufmännische Leitung übernahm.

Die Bewilligung der Gemeinde Bözberg lag vor, das Angebot war bewusst sehr einfach gehalten – und das Projekt würde sofort enden, sobald ein passender Pächter gefunden würde. Es wurde jemand gefunden. Ein Glücksfall, und das nach einem fast fünfjährigen Dornröschenschlaf.

Das Wirtepaar Bünter übernahm das Restaurant

Roland und Christian Bünter übernahmen am 1. März den bekannten Landgasthof, und die Erfolgsgeschichte konnte so weitergeschrieben werden. Die beiden sind in der Gastroszene keine Unbekannten. «Nun erwacht das Haus auf dem Bözberg durch uns zu neuem Leben. Die bewährte Speisekarte aus unserem früheren Restaurant Waidhof in Zürich – dieses musste einem Wohnbauprojekt weichen – wird im Landgasthof Vierlinden weitergeführt», betonen Roland und Christian Bünter.

Die Bünters liebäugelten eigentlich mit einer Auswanderung nach Spanien. Diese Pläne legte das Duo, das auch als Schlagergespann bekannt ist, zum Glück ad acta und entschied sich stattdessen für die Übernahme des «Vierlinden». Besonders erfreulich: Ein Grossteil des bisherigen Waidhof-Teams ging diesen Weg mit. «Rund drei Viertel unserer 31 Mitarbeitenden wechseln mit uns ins ‹Vierlinden›», erklärte Christian Bünter stolz.

Das altehrwürdige Gasthaus wurde von den Bünters nicht umfassend saniert oder umgebaut. Schliesslich befindet sich die Liegenschaft in der Landwirtschaftszone. Längerfristig ist lediglich der Anbau eines Wintergartens geplant. Im Innenbereich setzt man ebenfalls bewusst auf Kontinuität: Das Interieur bleibt traditionell und gemütlich. Der Landgasthof ist ein beliebtes Ausflugsziel, idyllisch gelegen im Jurapark und direkt an der Genussstrasse. Mit der Übernahme durch die Bünters verknüpfen sich zudem der Aargau und Zürich zu einem neuen Miteinander. Gleichzeitig hat sich der Betrieb zu einem wichtigen regionalen Arbeitgeber entwickelt, der für seine Gäste täglich offen ist.

Ein «Sechser im Lotto»

Auch Eigentümer Jürg Rensch zeigt sich überglücklich über die Nachfolge. Ihm lag der Erhalt der Gastronomie an diesem traditionsreichen Ort besonders am Herzen. Dass Roland und Christian Bünter diesem einmaligen Aussichtspunkt im Aargau nach fünf Jahren Stillstand wieder Leben einhauchen und die 200-jährige Gastronomiegeschichte fortschreiben, nennt Rensch überschwänglich einen «echten Sechser im Lotto». Und wie der Zufall es will, soll im «Vierlinden» künftig im wörtlichen Sinn Lotto gespielt werden: Die dynamischen Bünters planen gegen Ende Juni 2027 ein grosses Bözberg-Fest. Mit viel Musik, Tanz- und Altersnachmittagen, Jassveranstaltungen, Livekonzerten, feinem Essen sowie Bingo- und Lottoabenden. Für ihre Vision haben die Bünters einen Pachtvertrag für die nächsten zehn Jahre unterzeichnet.

Die Geschichte des Gasthofs Vierlinden

Auf einer Anhöhe des Bözbergs verbindet der traditionsreiche Gasthof Vierlinden Geschichte und Aussicht. Seine Wurzeln reichen fast 200 Jahre zurück. Um 1824 liess Schreiner Rudolf Siegrist das Gebäude errichten. Der zunehmende Verkehr über den Bözberg machte weitere Einkehrmöglichkeiten nötig. Nach einem Brand im November 1900 wurde der Gasthof neu aufgebaut und 1902 von Karl Amsler wiedereröffnet.

Schon der erste Erbauer wusste um die Vorzüge des Standorts. Von der Anhöhe bietet sich ein weiter Blick über die Aarelandschaft, die Habsburg, die Wälder und Felder des Aargaus. Bei guter Sicht reicht das Panorama bis zu den Alpen. Historische Darstellungen zeigen, dass diese Aussicht bereits vor rund 200 Jahren Reisende und Spaziergänger begeisterte.

Die Geschichte des Gasthofs ist eng mit der Entwicklung der Bözbergstrasse verbunden. Besonders die Nordseite des Passes stellte die Verantwortlichen lang vor Herausforderungen. Im späten 18. Jahrhundert plante der Ingenieur Antonio Maria Mirani eine neue Streckenführung, die den schwierigen Steilhang umging und über den heutigen Neustalden verlief. Dadurch wurde auch der Standort des Gasthofs besser erschlossen.

Mirani starb 1778, noch bevor die Strasse fertiggestellt war. Seine Planung prägte die Verkehrsverbindung jedoch nachhaltig. Die heutige Weiterentwicklung der Bözbergstrasse orientiert sich weiterhin an dieser bewährten Linienführung. Der Gasthof Vierlinden steht somit nicht nur für eine lange Wirtshaustradition, sondern ebenso für die Verkehrsgeschichte des Bözbergs und Aussichtspunkt im Jurapark Aargau.